Ewiges Warten

Kritik von Ulrike Meyer |

Eine Frau, ein Mann, ein Warteraum. Warten, schweigen, schwelgen, tasten, Vorwürfe, Streit, Zusammenfinden, Auseinandergehen – mit Gift. Eine Ehegeschichte findet ein berührendes Stück Raum, über die Kammer hinaus zum Nachdenken und Mitfühlen anzuregen.

Mehr als zehn Jahre nach dem Tod des gemeinsamen Sohnes treffen Sie (Maria Brendel) und Er (Georg Zeies) im Warteraum des Friedhofs, auf dem ihr Sohn begraben liegt, wieder aufeinander.  Es soll Gift im Boden des Friedhofs gefunden worden sein – das Grab müsse umgebettet werden.  So finden sich die beiden zu einem festen Termin auf dem Friedhofsgelände ein – und warten.

Dabei beobachtet der Zuschauer ein gefühlsgeladenes, konfuses Treffen zweier Menschen, die kaum noch etwas als eine gemeinsame gescheiterte Vergangenheit und der gemeinsame Verlust verbindet. Er, der mittlerweile mit neuer Frau in Erwartung eines Kindes in der Normandie lebt, ein Lebemensch, ein Charismatiker. Daneben Sie: im ehemaligen Familienhaus zurückgeblieben, sich an die Vergangenheit klammernd, einsam, hilflos und desillusioniert.

In der unbestimmten Wartezeit nähern sie sich einander an, reflektieren gemeinsam, formulieren erstmals Vorwürfe, die die vergangenen zehn Jahre überdauert haben. Dabei sind Sarkasmus und Zynismus nie weit; es tut fast weh, die beiden in ihrer Disharmonie zu beobachten.

Genau das, verpackt in klare und berührende Dialoge, macht das Stück sehenswert. Lediglich ein fragwürdiger Musikeinsatz, der eher an eine Privatfernsehsender-Soap erinnert als wirklich die Stimmung zu unterstreichen und den Zuschauer dadurch eher irritiert, mildert die Wirkung und Plastizität der Würzburger Inszenierung etwas ab.

Am Ende ist sich der Zuschauer vielleicht nicht ganz sicher, ob er zufrieden damit ist, ob er die Figuren so zurücklassen will. So folgt auf den Schlusssatz ein kurzes Warten ehe der Applaus einsetzt. Wie im Stück letztendlich kein Friedhofspersonal auftaucht, erwartet den Zuschauer am Ende keine Lösung. Wohin mit den Gefühlen und Gedanken und keine Antwort auf aufkommende Fragen?

Gift. Eine Ehegeschichte schafft einen bewegenden Abend, der viele Gedanken mit auf den Weg gibt.

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