Ein Superheld mit Leukämie

Kritik von Konstantin Kobel |

Ein langer und durchdringender Furz in verschiedenen Tonlagen und Qualitäten. Das zerstört die Atmosphäre? Meistens wahrscheinlich. Versucht man jedoch die Stimmung von Superhero einzufangen und zu beschreiben, trifft es kaum ein Bild besser. Ein Furz – peinliche Berührung, Irritation und ungewollte Aufmerksamkeit.

Donald Delpe (Cedric von Borries) flicht seine persönlichen Empfindungen und Erlebnisse mit der Leukämie in die Handlungen eines von ihm erfundenen Superhelden-Comics ein: Miracle Man. Die Liebe, für den Superhelden nicht mehr als ein Abenteuer, erlebt Donald später selbst – mit all ihren Missverständnissen und Unsicherheiten. Ärzte werden im Comic zu quälenden Antagonisten und zur Krankheit selbst, das Zeichnen zum Therapieprozess. Dabei verschwimmen an einigen Stellen die Grenzen zwischen Gefühltem, Erlebten und Erzähltem. Wie Donalds Schicksal die weiteren Figuren bewegt, berührt es auch den Zuschauer. Eltern, die ihr Kind an Krebs leiden sehen und kaum helfen können. Ein Psychiater, dessen private Geschichte von der Krankheit seines Patienten geprägt wird.

Durch nur vier Spieler werden die insgesamt dreizehn Figuren dargestellt. Die damit einhergehende Reduzierung auf die wichtigsten Eigenschaften vermittelt jedoch kein Gefühl von Eindimensionalität, sondern schafft mehr Raum für die Phantasie des Zuschauers und lässt die Figuren somit insgesamt noch greifbarer wirken.

Szene aus „Superhero“

Natürlich wirken die Liebesgeschichte eines krebskranken Jungen mit seinem großen Schwarm und die eines Superhelden mit einer Nachtclubtänzerin klischeehaft. Wie kann eine Story einfacher Mitleid erwecken als mit Krebs? Es gibt so viele schlechte Schnulzen. Welches Genre ist mehr breitgetreten als das der Superhelden? Superhero aber spielt mit den Klischees, bricht mit ihnen. Die Figuren überwinden sich, persönliche Tabuthemen vor anderen zu offenbaren und sprechen damit auch gesellschaftliche Tabus an: Die Angst vor dem ersten Mal versteckt hinter sexuellen Fantasien. Der Verlust des eigenen Kindes verdrängt durch Wissenschaftlichkeit und positives Denken. Eine Krankheit als Comic. Unverletzliche Superhelden und Fürze. Im Verlauf der Handlung wird jedes Klischee gleichermaßen zum Tabu – die Grenzen zwischen beidem werden aufgehoben.

Eine zentrale Rolle spielt auch das Bühnenbild (Ausstattung: Pascal Seibicke). Schon bevor das Stück beginnt, sitzt Donald auf der Bühne und malt. Durch die Handlung wird das Bild unter seinen Händen immer weiter geformt. Die vielen zufällig gemalten und oft willkürlich wirkenden Striche werden letztlich wie auch das Theaterstück zu einem Gesamtkunstwerk und ergeben ein fertiges Bild. Als die Leinwand am Ende aufgezogen wird, füllt sie beinahe den ganzen Bühnenraum der Kammer aus. Der so entstandene Comic enthält Donalds ganzes Leben: Die Szenen, in denen sich der Kranke darin in eine eigene Welt geflüchtet hat; den intimen Höhepunkt, in dem Donald mit seiner Liebe Shelly (Helene Blechinger) gemeinsam daran gemalt hat. Die Grenzen zwischen Gemaltem, Geschriebenem und Comic verwischen.
Superhero wurde inszeniert von Hanna Müller in der Kammer des Würzburger Stadttheaters. Nach einem Buch von Anthony McCarten zeigt es Probleme, mit denen sich vor allem junges Publikum identifizieren kann, für welches sich das Stück hervorragend eignet. Aber auch für ältere Besucher bietet es die Möglichkeit, sich an die ersten eigenen Erfahrungen in Pubertät und Liebe zurückzubesinnen, und herzhaft mitzulachen oder mitzuweinen.

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