Ein irgendwie vollkommener Augenblick

Kritik von Jacqueline Braun |

Als einen vollkommenen Augenblick beschreibt eine Mutter Jahre später den Tod ihres Kindes im Krankenhaus. Der Vater fasst diesen Moment und die Vergangenheit mit seiner Exfrau nach zehn – oder neun Jahren – ein kleiner Streitpunkt, wie sich herausstellen wird – drastischer zusammen: Sie haben ihr einziges Kind verloren, dann sich selbst und schließlich einander.

In Gift trifft die namenslose Ex-Frau (Maria Brendel) nach Jahren der Kontaktlosigkeit auf ihren Ex-Mann (Georg Zeies). Grund für das Treffen ist, dass der Boden des Friedhofs, auf welchem ihr Sohn begraben liegt, durch Gift verunreinigt sei; eine Umbettung von 200 Gräbern, eben auch dem des Sohnes, soll die Lösung sein. Das Elternpaar trifft im Warteraum der Friedhofsverwaltung aufeinander und muss sich erstmals wieder miteinander auseinandersetzen. Das Wiedersehen ist zunächst von großer Distanz geprägt, vorsichtig versuchen die beiden Protagonisten ein Gespräch anzufangen. Die Figuren haben sich entfremdet. Was folgt, sind 75 Minuten voll Auseinandersetzung, Vorwürfen, und Versöhnung. Das Paar überwindet alte Gräben und schaufelt zugleich neue Gruben. Die Situation erscheint ausweglos, nicht selten verlässt einer der beiden die Bühne, um für sich sein und nachdenken zu können. Der Brief an den Mann, der über den vergifteten Boden und die Umbettung informiert, ist, wie sich herausstellen wird, eine Fälschung. Er entsprang dem Wunsch der Frau, wieder Kontakt zu ihrem Ex-Mann aufzunehmen. Das Ergebnis des Briefes und des folgenden Treffens ist das Entfachen neuer und alter Grundsatzdiskussionen, es werden Fragen zu Liebe, Trauer und dem ewigen Voranschreiten des Lebens aufgeworfen, welche die Protagonisten sowohl für sich selbst als auch für sich als Ex-Paar zu klären versuchen.

Das Bühnenbild wie auch die Kostüme (Ausstattung: Catharina Bornemann) fügen sich bestens in die zu erzählende Geschichte des Stücks ein. Der Zuschauer bekommt das Gefühl vermittelt, in der anderen Ecke des Warteraumes, der mit roten Plastikstühlen, kaputtem Kaffeeautomaten und bereitstehendem Wasser bestückt ist, zu sitzen und von dort das Paar zu beobachten. Die Nutzung des Raums spielt für die Inszenierung eine wichtige Rolle, da die gesamte Bühne benötigt wird, um, durch Nebeneinandersitzen oder Entfernen der Figuren von einem Ende der Bühne zum Anderen, die sich immerwährende Abwechslung von Annäherung und Abstoßung der Protagonisten zu übertragen. Die Kostüme wiederum unterstreichen die Leben der Figuren – sie ein bisschen zu streng und doch zu einfach gekleidet in einem Kleid, das wie ein nach außen gekehrter, unglücklicher Versuch wirkt, die Trauer um den verstorbenen Sohn zu überwinden. Er wiederum trägt Sakko und einen dünnen Schal, was sein neues Leben in Frankreich visualisiert.

Die schauspielerische Leistung ist hervorragend. Die Schauspieler beleben ihre Figuren und transportieren die gesamte Bandbreite an Emotionen. Sie lassen an keiner Stelle das Gefühl aufkommen, dass sie lediglich Rollen spielen. Fragwürdig ist an dieser Inszenierung lediglich der Einsatz von Musik. Die Melodien setzen meist etwas zu laut ein, sobald sich einer der Protagonisten allein auf der Bühne befindet. Sie entreißen den Zuschauer unsanft aus dem Stück, stellen ein störendes Moment dar und brechen schließlich ebenso abrupt, wie sie eingesetzt haben, auch wieder ab. Leider ein zu plakativer Versuch, Emotionen über ein anderes Medium als (Körper-)Sprache auszudrücken.

Dem Zuschauer muss bewusst sein, dass es sich bei dieser Inszenierung am Mainfranken Theater in der Kammer um kein klassisches Unterhaltungsstück handelt: Das Stück regt zum Nachdenken an und macht an nicht wenigen Stellen betroffen. Gift wurde 2009 am Nationaltheater in Gent uraufgeführt und entstammt der Feder von Lot Vekemans. Unter der Regie von Inga Lizengevic wird das Stück in Würzburg aufgeführt. Bei Gift handelt es sich um ein in sich gelungenes Stück, das mit Witz, Melancholie und Trauer spielt, letztlich aber aufzeigt, dass es immer einen Weg nach vorne gibt, den es zu finden gilt – auch aus dem Kampf heraus, den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten.

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