Spielzeit 18/19: Was ist Heimat?

Das Mainfranken Theater Würzburg hat gestern das Geheimnis gelüftet: Die neue Spielzeit dreht sich um den Begriff der „Heimat“. Dazu wurden die ersten Paletten der druckfrischen Spielzeit- und Konzertbroschüren 18/19 geliefert: 124 und 52 Seiten volles Programm! Der Vorverkauf für die Eigenproduktionen im Großen Haus startet am 3. Juli.

Jeder ist mit allem und jedem vernetzt. Märkte scheinen keine Barrieren mehr zu kennen. Die Deutschen gehören zu den Reiseweltmeistern. Grenzenlose Mobilität und permanenter Wandel sind die Maximen unseres Handelns und Seins. Das Konstrukt „Heimat“ wirkt da wie ein Anachronismus, ein Vehikel aus alten Tagen. Im WLAN ist Heimat nur einen Klick entfernt. Doch es gibt auch die andere Seite: Menschen verlieren Tag für Tag aufgrund von Bedrohung, Hunger und Krieg ihre Heimat. Während sie in fremden Ländern die Chance auf ein Leben, vielleicht ein neues Zuhause für sich suchen, geht dort, wo sie ankommen wollen, bisweilen die Angst um: vor der Veränderung, vor sogenannter Überfremdung, vor einem Verlust des vertrauten Umfelds. Separatistische Bewegungen und Parteien am rechten Rand des Spektrums, die vielerorts Zulauf erhalten, stehen für einen neuen Nationalismus. Sie predigen ihren eigenen Heimatbegriff und reklamieren das Recht auf dessen Ausdeutung für sich.

Was also ist Heimat? Und wo? Muss sie erzählt werden? Wird sie vom Hirn erst zur Heimat konstruiert? Das Mainfranken Theater widmet sich dieser Auseinandersetzung in einer Zeit, in der das Haus selbst seine Heimstatt – in diesem Fall zunächst seine vertraute Fassade – verwandelt. Intendant Markus Trabusch: „Das Gebot der Bewegung und der permanenten Veränderung betrifft in Kürze auch unser Gebäude, vor dem sich in der Spielzeit 18/19 ein Bauzaun und eine Baugrube für die künftige Sanierung und Erweiterung des Theaters befinden.“ Bei der sehr emotional geführten Debatte um den Begriff der „Heimat“ sei zu beobachten, wie rasante Transformationen des Lebensumfeldes das Bedürfnis auszulösen scheinen, an Vertrautem festzuhalten oder sich an Vertrautes zu erinnern. „Dieses Spannungsfeld, dieser Konflikt hat uns dazu inspiriert, den Heimatbegriff zum roten Faden unserer neuen Spielzeit zu erklären“, so Trabusch.

Von der Anti-Heimat zum Nationalmythos

Im Musiktheater beginnt die Auseinandersetzung mit vier Protagonisten, die praktisch heimatlos sind: Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline leben in Puccinis „La Bohème“ (Premiere 13.10.2018) in Paris in einer Art selbsternannter Künstler-WG. Es ist eine Anti-Heimat, in der sie gleichsam gefangen sind. Nie anzukommen ist ihrem Schicksal eingeschrieben, wie es Henri Murger in seinem Roman „Bohème – Szenen aus dem Pariser Leben“ formulierte: „Die Bohème ist die Vorstufe des Künstlerlebens, sie ist die Vorrede zur Akademie, zum Hospital oder zum Leichenschauhaus.“

Zu einer Identifikationsfigur ist Richard Wagner in der Diskussion um die Nibelungensage als „deutscher Ilias“ avanciert. Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, in einer Zeit von Vormärz und Revolution 1848 bis zur Einigung Deutschlands 1871, befeuerte das wachsende Interesse an dem Helden Siegfried und seinen als deutsch deklarierten Tugenden wie Mut und Tapferkeit den Gründungsmythos der Nation. Wagners „Götterdämmerung“ (Premiere 26.5.2019) als letzter Teil seines „Rings des Nibelungen“ ist jedoch nicht nur im programmatischen Kontext der Saison 18/19 zu betrachten. Die Produktion beschließt nach Meyerbeers „Hugenotten“ und Verdis „Sizilianischer Vesper“ die am Mainfranken Theater über drei Spielzeiten geführte Beschäftigung mit der Gattung Grand Opéra. Bei der Realisierung der Götterdämmerung steht einmal mehr der Richard-Wagner-Verband Würzburg-Unterfranken e.V. gemeinsam mit der Herbert Hillmann und Margot Müller Stiftung als Partner und Förderer an der Seite der Würzburger Bühne.

Heimat: Ein städtisches Biotop mit Untiefen

Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ zählt zu den bekanntesten Theaterstücken des 20. Jahrhunderts. Die Tragikomödie eröffnet die Schauspielsaison im Großen Haus des Mainfranken Theaters (Premiere 5.10.2018). Die Gesellschaft als Gebilde, das Heimat konstituiert, wird in der Kleinstadt Güllen – dem Schauplatz der Handlung – zum Katalysator eines Konflikts zwischen Gemeinwohl und Moral.

Im Rahmen des Leonhard-Frank-Stipendiums zur Förderung zeitgenössischer Dramatik entsteht derzeit ein Theatertext mit dem Arbeitstitel „Sisyphos auf Silvaner“ (Uraufführung 4.4.2019). Darin setzt sich Autor Gerasimos Bekas mit Geschichten und Individuen aus Würzburg auseinander. Er stellt dabei die Frage: Für wen ist die Stadt Heimat geworden – und wem hat sie sich verwehrt?

Eine weitere Uraufführung im Schauspiel verwebt auf feinsinnige Weise die Sehnsüchte von Daheimgebliebenen und Geflüchteten. Teresa Doplers Kammerspiel „Unsere blauen Augen“ (Premiere 12.10.2018) verschränkt die Enge der ländlichen Idylle mit der Realität weit Gereister und lässt unterschiedliche Erfahrungen aufeinanderprallen.

Heimat in Bewegung: Die neue Tanzsparte

Unter der Leitung der neuen Ballettdirektorin Dominique Dumais und begleitet von Kevin O’Day als Artist in Residence baut das Mainfranken Theater zur Saison 18/19 eine neue Tanzsparte auf, die sich im Unterschied zu den Vorjahren mit gleich drei Premieren im Großen Haus präsentiert. Mit dem Ziel, ein starkes Ensemble aus Solisten zu entwickeln und mit ihnen in Würzburg eine neue künstlerische Heimat zu erschaffen, hat Dumais zwölf Tänzerinnen und Tänzer aus Kanada, Hong Kong, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Italien, Tschechien, Großbritannien, Japan, Mauritius und Spanien für ihre Compagnie gewonnen. In dem Abend „Muttersprache“ (Premiere 13.4.2019) spüren sie dem (Er-)Finden einer gemeinsamen Bewegungssprache, dem Aufbau einer neuen Gemeinschaft und dem Annehmen der Eigenheiten des jeweils anderen nach.

Einem Lebensgefühl, das unverbrüchlich mit seiner Heimat Frankreich zusammenzuhängen scheint, widmet sich der Tanzabend „Chansons“ (Premiere 29.9.2018). Als Liebeserklärung an die Kunst der kleinen Dinge, an französische Lebensart und unprätentiöse Eleganz feierte „Chansons“ bereits bei seiner Uraufführung am Nationaltheater Mannheim Erfolge. Nun kommt die Produktion von Dominique Dumais in einer Adaption für das Große Haus des Mainfranken Theaters nach Würzburg und eröffnet hier die Tanzsaison 18/19.

Mein Vaterland

Smetanas sechsteiliger Zyklus „Mein Vaterland“ bildet den Höhepunkt der kompositorischen Auseinandersetzung mit der Idee von Heimat und Nation. Der zweite Teil dieses Werks, „Die Moldau“, avancierte gar zu einer der populärsten Tonschöpfungen der Musikgeschichte. Das Philharmonische Orchester Würzburg interpretiert Smetanas Zyklus im Rahmen seines vierten Sinfoniekonzerts im Februar 2019.

Auch für Prokofjew und Tschaikowski war Heimat ein grundlegender Teil des künstlerischen Selbstverständnisses. Die konkrete Verortung der Heimat in Russland war wesentlich für ihre Persönlichkeit. Das Band zur russischen Seele, das sich als authentisches Moment in der Musik wiederfindet, lässt sich beim sechsten Sinfoniekonzert im April 2019 ergründen, wenn Prokofjews drittes Klavierkonzert und Tschaikowskis fünfte Sinfonie erklingen.

Einer für alle: King Arthur

Eine Produktion, die das Ballett, das Musiktheater und das Schauspiel des Mainfranken Theaters gemeinsam erarbeiten, steht in der Spielzeit 18/19 mit Henri Purcells Semi-Oper „King Arthur“ auf dem Programm (Premiere 30.3.2019). Die Tragikomödie bietet viel Raum für Musik, Tanz sowie spektakuläre Bühnenbilder und Kostüme und hat damit das Potenzial, an erfolgreiche spartenübergreifende Inszenierungen wie etwa „Jesus Christ Superstar“ in der Spielzeit 16/17 oder die soeben abgespielte „Csárdásfürstin“ anzuknüpfen.

Auf ein bewährtes, alle Sparten umfassendes Format greifen Intendant Markus Trabusch und sein Team ebenfalls zurück, wenn es um den Saisonstart geht: Beim ganztägigen AUFTAKT! (23.9.2018) stellt das Mainfranken Theater seinen neuen Spielplan vor und gibt in einer Abendveranstaltung, die alle Sparten einbezieht, erste – auch szenische – Einblicke in die kommenden Produktionen. Beim Start in die neue Spielzeit bewährt hat sich auch die Fülle der Premieren. Diesmal sind es von Ende September bis Oktober wieder sechs an der Zahl. Sie bieten dem Publikum von Anfang der Saison an ein vielfältiges Vorstellungsangebot.

Neue Formate und junges Theater

Um die Kooperationen mit den Schulen weiter auszubauen und allen Altersschichten kontinuierlich ein attraktives Programm zu bieten, finden sich im Spielplan der kommenden Saison zahlreiche Angebote für junge Menschen und Familien. Dazu zählen die beliebten Baby- und Familienkonzerte, die Kinderoper „Siegfried, der kleine Drachentöter“, die als Auftragsarbeit des Mainfranken Theaters entsteht (Uraufführung 24.3.2019; ab 6 Jahren), „Ronja Räubertochter“ in der Weihnachtszeit (Premiere 25.11.2018; ab 5 J.) sowie die Schauspielproduktionen „Patricks Trick“ (Premiere 2.10.2018; ab 10 J.) und „Das Buch von allen Dingen“ (Premiere 14.2.2019; ab 12 J.).

Mit dem Orchesterkarussell als neuem Format schließt das Philharmonische Orchester eine Lücke zwischen den Babykonzerten, die sich an die Jüngsten im Alter von null bis drei Jahren richten, und Formaten wie etwa den Familienkonzerten und der Kinderoper. Das neue Angebot will Vier- bis Siebenjährigen in Begleitung ihrer Eltern die Orchesterinstrumente auf spielerische Art näherbringen. Erstmals findet in der bevorstehenden Saison zudem ein Orchestertag im Mainfranken Theater statt (1.6.2019). Mit vielfältigen Angeboten für jedes Alter wird dabei das ganze Haus zum Konzertsaal.

Ihrem Konzept, immer wieder neue Außenspielstätten zu entdecken, bleibt die Würzburger Bühne mit der Produktion „The Black Rider“ treu, die am 23. Mai 2019 im Efeuhof des städtischen Rathauses Premiere feiert. Auf dem Spielplan 18/19  stehen insgesamt sechs Premieren und eine Wiederaufnahme im Musiktheater, neun Neuproduktionen und zwei Wiederaufnahmen im Schauspiel, vier Tanzpremieren, die alle Sparten umfassende Semi-Oper „King Arthur“, sechs Sinfonie- und sieben Kammerkonzerte sowie zahlreiche Konzertevents von der neuen Komponisten-Battle bis zu den in der laufenden Saison eingeführten Rathauskonzerten. Die zugehörigen Programmpublikationen 18/19 sind ab sofort im Theater sowie online auf mainfrankentheater.de verfügbar. Der Vorverkauf für die Vorstellungen im Großen Haus startet am 3. Juli 2018.

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