Im Interview – Regisseur Tjark Bernau zum Rechercheprojekt MAGNOLIENZEIT

Ein Interview von Friederike Lange  

Friederike Lange: MAGNOLIENZEIT ist dein erstes Projekt als Regisseur am Mainfranken Theater. Wie fühlst du dich in dieser Rolle?

Tjark Bernau: Regisseur zu sein, macht mir großen Spaß. Aber ich sehe mich dabei immer auch als Schauspielkollegen, und eine gute Gruppendynamik ist mir wahnsinnig wichtig. Theater ist für mich Mannschaftssport. Deshalb habe ich mir viel Zeit genommen, um in der Gruppe eine gute gemeinsame Energie zu erarbeiten und ich denke, das ist uns gelungen. Ich komme gerne zur Probe und habe auch das Gefühl, dass die Schauspieler gerne kommen. Bei so einem Projekt sind die einzelnen Schauspielerpersönlichkeiten, ganz unabhängig von den Figuren, sehr wichtig.

Ihr habt die Fassung für MAGNOLIENZEIT selbst entworfen und ihr ging ein langer Rechercheprozess voraus. Wie kann man sich die Arbeit an einem Dokumentartheaterstück vorstellen?

Mit Antonia (der Dramaturgin) habe ich schon vor vielen Monaten angefangen, mich gründlich in das Thema einzuarbeiten. Dafür waren wir bei Gedenkveranstaltungen, haben Zeitzeugen getroffen, Fachgespräche mit Historikern geführt und uns mit Leuten unterhalten, die sich intensiv mit der Würzburger Erinnerungskultur beschäftigen. Dabei ist uns deutlich geworden, wie präsent der 16. März 1945 in Würzburg ist und wie viele Türen es zu diesem Thema zu öffnen gibt. Wir haben uns erstmal bewusst nichts verboten, sondern viel gesammelt, bevor wir uns überhaupt konkrete Schwerpunkte gesetzt haben. Parallel dazu haben wir die Infrastruktur für die theatrale Umsetzung geschaffen. Beispielsweise haben wir lange an der Besetzung gefeilt, da wir Leute finden wollten, die sich auch jenseits der klassischen Textarbeit für das Thema interessieren und Lust auf gemeinsame Archivarbeit haben.

Gab es bei der Stückerarbeitung Erlebnisse, die für dich besonders hervorgestochen sind?

Sehr beeindruckend waren für mich die Interviews mit den Zeitzeugen, denn abgesehen davon, dass die Dinge im 1:1-Gespräch natürlich viel erfahrbarer werden, sind solche Begegnungen gerade heute von großer Dringlichkeit, weil es sich nun mal um die letzten Überlebenden des Krieges handelt. Das merkt man zum Beispiel in der neunten Klasse, die unser Projekt begleitet. Da haben nur noch vereinzelte Schüler Kontakt zu Zeitzeugen. Wir sind die Letzten, die direkt nachfragen können und mit unseren heutigen Fragen formen wir das Verständnis zukünftiger Generationen. Man sollte nicht den Fehler machen und jetzt schon viel verallgemeinern. Es gibt nicht die eine Haltung oder die eine Perspektive, das alles ist viel komplexer. Man muss sich intensiv damit auseinandersetzen, so lange es geht.

Die Aufführungen werden nicht am Theater, sondern im Max-Stern-Keller unter der alten Universität stattfinden. Warum habt ihr euch dafür entschieden?

Wir erzählen in MAGNOLIENZEIT praktisch Geschichten aus der Stadt – für die Stadt. Da ist es natürlich toll, einen Stadtraum zu nutzen, der mitten im Geschehen stand. Zum einen in Bezug auf das jüdische Leben in Würzburg: Max Stern, der als jüdischer Geschäftsmann in diesem Gewölbe einen Weinkeller betrieb, musste 1938 vor den Nazis in die USA flüchten und um die Ecke stand die im gleichen Jahr zerstörte Hauptsynagoge. Zum anderen haben am 16. März 1945 tatsächlich Menschen in diesem Keller Schutz gesucht und dort in jener Nacht den Tod gefunden. Und abgesehen von der Geschichte dieser Räumlichkeiten, ist es für uns heute schön, den Dunstkreis des Theaters zu verlassen und neue Bekanntschaften und Kooperationen zu machen.

Ihr setzt mit dem Stück einen eigenen Akzent in der Würzburger Erinnerungskultur. Was ist dir dabei wichtig?

Ich möchte das Thema auf vielseitige und dabei intensive Art und Weise behandeln. Die Zuschauer werden mit verschiedenen Perspektiven konfrontiert und nicht alle werden schmecken. Doch der Stoff ist nun mal nicht frei erfunden, sondern eine Bestandsaufnahme, die theatral veranschaulicht werden soll. Dafür wünsche ich mir ein offenes und neugieriges Publikum, das das Stück im Idealfall zum Anlass nimmt, um in Diskurs zu kommen.

Der Schauspieler und Regisseur Tjark Bernau war am Mainfranken Theater Würzburg bereits in der Weihnachtskomödie „Messias“ zu sehen. Außerdem kann man ihn derzeit als Boandlkramer in „Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben“ auf der Bühne im Großen Haus erleben. Ab der Spielzeit 18/19 wird Tjark Bernau festes Ensemblemitglied am Nürnberger Staatstheater.

 

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