Gemeinsam gegeneinander

Kritik von Jacqueline Braun |

Eine Frau, die nervös Kisten und Schubladen öffnet, schließt und neue öffnet; auf der anderen
Seite eine Frau, die liest – unzählige Bücher türmen sich auf und neben ihrem Tisch. Die beiden
Frauen befinden sich auf einer Bühne, eigentlich soll jedoch ein Ozean zwischen ihnen liegen.
Riefenstahl und Rosenblatt sind tot erzählt die Geschichte dieser Frauen, die unterschiedlicher
kaum sein könnten.

Die Bühne ist in zwei Lager eingeteilt: links ist das Fotoarchiv von Leni Riefenstahl (Anja
Brünglinghaus) – es stapeln sich Kisten mit Fotografien, einige Kleider werden immer wieder
auf die Bühne geholt und die Figur verbringt viel Zeit damit auf einem Sessel direkt am
Bühnenrand zu sitzen. Der rechte Teil der Bühne ist mit einigen Bücherstapeln dekoriert, ein
kleiner Schreibtisch ist zum rechten äußeren Bühnenrand gedreht und im Hintergrund hängen
zwei schwere Papierrollen von der Decke hinab – sie sind zu Beginn mit den Worten Narr,
Ruhelos, Lakritze, Hanf und Warten, Europa, Krieg? beschriftet. An der rechten Wand hängen
unzählige Bilder, unter anderem von Gandhi und Brecht, sowie Schriftstücke; es ist das
Zuhause der Susan Sontag, geborene Rosenblatt (Maria Brendel).

Ein lauter Ausruf: „Nein!“ und das Stück beginnt. Es folgt ein Vortrag von Riefenstahl über die
von ihr entworfene Fotoserie von Nubakriegern im Sudan, die sie 1962 aufnahm. Sontag
kritisiert eben diese Bilder und benennt sie als ein Motiv, das für Riefenstahl typisch sei und
seinen Ursprung im deutschen Faschismus hätte: das Ablichten männlicher nackter Krieger,
die Körper und Kraft zur Schau stellen. Die Frauen führen einen Dialog auf der Bühne, obwohl
Riefenstahl in Pöcking am Starnberger See sitzt und Susan Sontag ihre Zeit auf Bari verbringt.
Anlass zum Gespräch bieten Einladungen, welche die beiden Frauen anlässlich des Jubiläums
des Times Magazines erhalten, zu welchem sie beide erscheinen sollen, wo sie sich erstmals
persönlich treffen würden. Auf die Einladungen werden aus zuvor geführten Monologen ein
Dialog, der immer wieder durch erzählende Einheiten unter- und aufgebrochen wird. Neben
den Fragen, welches Kleid Riefenstahl am besten in New York tragen wird und ob Sontag mit
ihrer Krebserkrankung abermals an eine Chemotherapie denken muss, geht es um den
Nationalsozialismus in Deutschland und die Rollen der beiden Frauen zu dieser Zeit. War
Riefenstahl eine überzeugte Propagandistin? Oder wusste sie tatsächlich nichts von den
Konzentrationslagern? War Rosenblatt eine engagierte Regimegegnerin? Wurden die beiden
Frauen ihren eigenen Werten gerecht? Wofür standen sie? Fragen, die die Figuren für sich
beantworten oder vollkommen offen stehen lassen.

Anja Brünglinghaus und Maria Brendel sind die optimale Besetzung der Figuren. Erstere lässt
Riefenstahl zerrissen, aber auch gerissen wirken; immer getrieben von eigenen Motiven und
dem ewigen Druck die Arbeit während der Zeit des NS-Regimes zu rechtfertigen. Brendel
wiederum, barfuß und einfacher gekleidet als in einem roten eleganten Kleid wie ihre
Gegenspielerin, versieht ihre Figur mit Überzeugung für die eigene Sache und einem klarem
Wertesystem, wobei sie dennoch einsichtiger und nachsichtiger agiert als die Figur
Riefenstahl.

Die Inszenierung wird immer wieder durch Bildprojektionen unterstützt, Bilder die Riefenstahl
selbst machte, aber auch Bilder des Krieges, des Zweiten Weltkriegs und aktueller Kriege. Die
Projektionen unterstützen die Inszenierung und sind immer ein gelungenes
Kommunikationselement, das den historischen Hintergrund des Stückes bestens aufzeigt.
Das Stück, am Mainfranken Theater in Würzburg unter der Regie von Dominik von Gunten,
feiert in Würzburg seine deutschsprachige Erstaufführung. Es begeistert durch eine
ungewöhnliche Form des Dialogs, durch eine grandiose Besetzung und ist absolut
empfehlenswert.

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