Gegensätze ziehen sich an

Eine Rezension von Jonathan Oßwald |

Der Mann, der die Zuschauer in der Kammer des Mainfranken Theaters empfängt, blickt nachdenklich und etwas mürrisch in den sich langsam füllenden Raum. Sein Name, wie sich später herausstellt, lautet Alex Priest (Eberhard Peiker). Hinter dem ruhig auf einem Mauervorsprung sitzenden Senior verbergen sich zahlreiche Facetten, die im weiteren Verlauf der Handlung zum Vorschein kommen:
Er ist ein Mann, der weiß, was er hat und doch auf der Suche ist. Ein gelernter Metzger, der nach einem nüchtern strukturierten Alltag strebt und doch leidenschaftlich Tango tanzt. Ein Musikliebhaber, der häufig kalt und emotionslos erscheint und doch immer wieder weint. Ein gealterter Junge, der vergessen will und doch Tagebuch schreibt. Ein 75-Jähriger,der alleine ist.

Allerdings ist seine anfängliche Einsamkeit nur von kurzer Dauer:
Kurz darauf taucht bereits die zweite Figur aus Simon Stephens Drama HEISENBERG auf: Georgie Burns (Christina Theresa Motsch).
Schon nach ihren ersten gesprochenen Sätzen fällt auf, dass die 38-Jährige häufig hektisch und ziellos ist. Dennoch weiß sie, was sie will – jedenfalls manchmal. Aus ihrer Sicht ist sie ein gute Mutter und trägt keine Schuld an dem plötzlichen Kontaktverlust zu ihrem Sohn. Außerdem möchte die Sekretärin ruhig und abgeklärt erscheinen. Dies gelingt ihr allerdings eher selten. Ebenso fällt es der Alleinerziehenden schwer, bei der Wahrheit zu bleiben und auf Lügen zu verzichten. Lügen, hinter denen sie ihre eigene Einsamkeit versteckt.

Mainfranken Theater Würzburg

Christina Theresa Motsch und Eberhard Peiker ergänzen, bereichern und übertreffen sich gegenseitig. Sie setzen die emotionalen Schwankungen beider Figuren und die Eigenheiten der zwei Charakter mit höchster schauspielerischer Kunst um. Ebenso vermitteln die beiden Darsteller eindrucksvoll das mehrmalige Auf und Ab der Beziehung zwischen der jungen Georgie und dem in die Jahre gekommenen Alex, deren gegenseitige Annäherung ebenso wie die meist unmittelbar darauf folgende Distanzierung.
In Anbetracht dieser faszinierenden Leistung ist die Reduzierung der Ausstattung nur konsequent (Ausstattung: Catharina Bornemann). Bis auf eine Backsteinmauer mit einer Öffnung sowie einzelnen verschiebbaren Teilen, ist die Bühne leer. Die Ort- und Zeitwechsel verdeutlichen die Darsteller entweder innerhalb ihrer Gespräche oder durch wechselnde Kombination ihrer – eher alltäglichen – Kleidung selbst. Die Szenenwechsel werden außerdem durch blaues Licht und ein elektronisches Schriftband, auf dem die jeweiligen Informationen zu Ort und Zeit zu lesen sind, unterstützt.
Vor allem Letzteres erinnert den Zuschauer auch im weiteren Verlauf der Inszenierung Heisenberg (Regie: Beatrix Schwarzbach) an den Beginn der Handlung:
Das scheinbar zufällige Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten am Bahnhof St. Pancras   in London und ihr überraschender Kuss in seinen Nacken. Ein Kuss, mit dem eine Reise beginnt. Eine circa 80-minütige Reise, die das Publikum der Kammer des Mainfranken Theaters mitnimmt, begeistert und nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zu minutenlangem Applaus anregt.

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