Ein Boxkampf zwischen Sizilien und Frankreich

Eine Rezension von Konstantin Kobel

Frankreich gegen Sizilien: Mit Flaschen in der Hand fiebern die Zuschauer mit ihren Athleten mit, die mit ihren Fäusten einen heftigen Kampf austragen. Ob nackter Männeroberkörper oder aufreizendes Ringgirl – für die versammelte Zuschauerschaft des Boxkampfs wird eine große Show geboten. Runde für Runde treten die Kämpfer in den Ring und verteidigen nicht nur die persönliche Ehre, sondern vertreten auch ihr jeweiliges Land. Es bleibt jedoch nicht bei der sportlichen Auseinandersetzung, die Sizilianer entladen ihre Wut auf die Franzosen in einem Attentat, das den Kernpunkt von Verdis Oper Die sizilianische Vesper darstellt.

Sizilien im 13. Jahrhundert unter französischer Fremdherrschaft: Der frisch begnadigte Widerstandskämpfer Henry plant gemeinsam mit der Gräfin Hélène, in die er verliebt ist, einen Anschlag auf den französischen Gouverneur Guy de Montfort, um ihren ermordeten Bruder zu rächen und Sizilien zu befreien. Auch Jean Procida, ein sizilianischer Arzt, und die gesamte Bevölkerung Siziliens unterstützen sie. Als der Plan durchgeführt werden soll, erfährt Henry, dass er Montforts Sohn ist und verhindert dessen Ermordung. Seine Komplizen werden aufgehalten und gefangen genommen; er selbst steht als Verräter da. Nachdem Henry die Hinrichtung seiner Freunde verhindert hat, erklärt er die unglückliche Familienkonstellation, die ihn den Anschlag nicht durchführen ließ. Anschließend stimmt er den Plänen seines Vaters zu, mit einer Heirat zwischen ihm und Hélène Siziliens und Frankreichs Feindschaft in Freundschaft umzuwandeln. Doch das Erklingen der Hochzeitsglocken ist für die Sizilianer unter Führung von Procida das Zeichen für den Beginn eines Gemetzels, bei dem die Franzosen ermordet werden.

Die Inszenierung von Matthew Ferraro ist überzeugend. Obwohl die rund dreistündige Handlung sehr komplex und vielschichtig ist, kommt die Bühne mit wenig Bühnenbildern aus, ohne dabei langweilig zu werden. Die unterschiedlichen Orte bleiben dabei durch gelungene Details wie stimmungsvolle Beleuchtung eindeutig. Auch einige moderne Elemente fließen in die Inszenierung mit ein, die sich elegant in das Gesamtwerk eingliedern und die Handlung um witzige und bunte Einfälle ergänzen. Ein Beispiel für eine besonders kreative und gelungene Idee ist der bereits eingangs angesprochene Boxkampf.

Mit Beginn der Ouvertüre fesselt die Musik und verstärkt die auf der Bühne gespielten Emotionen. Revolutionäre, brodelnde, düstere Klänge neben lyrischen Passagen bewegen das Ohr des Hörers so sehr wie Bühnengeschehen das Auge des Zuschauers. Stimmung und Thematik, die ebenso gut Grundlage für einen Hollywoodfilm bieten könnten, bleiben bis zum Schluss spannend. Verdis Oper kommt zwar weder mit einer seichten witzigen Leichtigkeit daher, noch mit einer großen Aktualität für den heutigen Zuhörer. Dennoch sorgt sie für Unterhaltung und trifft den Geschmack des Würzburger Publikums genau, das dem Abend und allen voran den Solisten in standing ovations zujubelt.

Der Opernchor des Mainfranken Theaters in der Rolle der sizilianischen und französischen Bevölkerung verleiht dem Stück neben seiner beeindruckenden musikalischen Leistung (Choreinstudierung: Anton Tremmel) auch dynamische Frische, indem er das Bühnengeschehen schauspielerisch ergänzt.

Besonders hervorzuheben sind die Solisten und Enrico Calesso als Dirigent, die drei Stunden lang in voller Konzentration ihre Leistung auf höchstem künstlerischen Niveau darbringen. Von großer Perfektion trotz hoher Schwierigkeit zeugen besonders Duett und Romanze zwischen Henry (Uwe Stickert) und Hélène (Claudia Sorokina).

Wie ein Zuschauer schon vor dem Beginn feststellt, ist Verdis Oper Die Sizilianische Vesper „der Renner“ im Würzburg Stadttheater, sowohl wegen der Inszenierung, der tollen Komposition als auch der musikalischen Qualität und ist einen Besuch wert. Auch wenn die Dauer zunächst abschrecken mag: In drei Stunden und fünfzehn Minuten Oper (inklusive Pause) wird es garantiert nicht langweilig.

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