Ein Blick in den Spiegel

Ein Text von Konstantin Kobel |

Hey, du kennst mich! Wenn du wenigstens einmal im Kino warst oder im Theater, hast du mich bestimmt gesehen. Ich komme fast in jedem Buch, Film oder Stück vor. Wir begegnen uns auch auf der Straße sehr häufig. Ich wette, in deinem Leben bin ich auch schon mal aufgetaucht.
Wie ich aussehe? Schwer zu sagen. Es gibt mich in den unterschiedlichsten Formen. Ich bin sowohl männlich als auch weiblich. Ich bin jung und voller Feuer oder alt und eine stille, beständige Flamme. Ich bin schwarz und weiß, leise und laut, hetero und homo. Ich bin der Grund, warum die Welt so bunt ist. Manch einen veranlasse ich zu den größten Heldentaten, den höchsten Kunstwerken und den großherzigsten Handlungen. Ich komme in jedem zweiten Gedicht vor. Es gibt so viele Lieder über mich. Poeten finden endlos Vergleiche für mich. Zu Tränen der Rührung bringe ich besonders die Frauen. Ich gebe Kraft. Ich halte die Welt zusammen. Ich bin in jeder guten Tat. Die Religionen, so sehr sie sonst auch untereinander streiten, sind sich einig über mich. Die wohl bekannteste und schönste Geschichte über mich spielt in Verona.
Leider geht sie schlecht aus. Ich möchte ehrlich sein, ich habe auch eine dunkle Seite. Wegen mir töten sich Menschen gegenseitig, wegen mir töten Menschen sich selbst. Ich löse unstillbare Sehnsucht aus, ich mache verletzlich. Es gab da jemanden, der sich wegen mir in den Kopf geschossen hat und berühmt geworden ist. Viel zu viele haben es ihm seitdem nachgemacht. Ich war lange in der Gesellschaft schlecht angesehen. Wie viele haben ihren guten Ruf durch mich verloren!

Kennst du die arme, fromme Margarete? Auch ihr ging es so. Lästereien, Ausgrenzung, sogar Verfolgung und Hinrichtung beflecken meine Weste. Ich habe – das ist schon länger her – sogar einen Krieg ausgelöst, ich und ein einfacher Apfel. Vielleicht hast du schon davon gehört. Menschen und Götter kämpften lange um die Stadt, so viele Tote! Das wollte ich doch alles gar nicht! Einen Weiteren trieb ich sogar in den Wahnsinn. Er erstach seine Frau, weil er nicht mehr klar denken konnte. Sie hatte ihn betrogen, er war deswegen ausgelacht und gedemütigt worden. Helft mir, dass so etwas nicht wieder vorkommt! Ich bin auch die Kraft der schmutzigen Triebe, die manche nicht bändigen können und deswegen abscheuliche Verbrechen begehen.
Heute noch gibt es Stimmen, die glauben, sie könnten beurteilen, wann ich falsch sei und gegen die Natur. Das macht mich traurig, ich bin doch für alle da! Ich bin ich selbst. Manchmal glaube ich, es wäre besser, ich hätte nie existiert. Es hätte der Welt so viel Streit erspart. Leider bin ich unsterblich. Ihr müsst also mit mir leben, in allen meinen Formen. Toleranz und Offenheit helfen dabei. Das ist der Grund, warum so viele Stücke schlecht ausgehen. Ihr sollt es anders machen, besser!

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