Ein Anschlag auf das Publikum

Eine Rezension von Konstantin Kobel

Wie würdest du dich entscheiden? Eine Situation, in der man sich falsch handeln kann: 70.000 Menschen dem Tod überlassen oder selbst 164 Menschen töten? Kann man für diese Entscheidung verurteilt werden?

Ein Passagierflugzeug mit 164 Insassen wird von Terroristen entführt, die damit drohen, es in ein voll besetztes Stadion zu fliegen. Bundeswehrpilot Koch, gespielt von Martin Liema, verstößt gegen die Befehle seiner Vorgesetzten und schießt es ab. Das Theaterstück Terror zeigt das fiktive Gerichtsverfahren gegen den Piloten. Die Staatsanwältin, gespielt von Anja Brünglinghaus, fordert eine Verurteilung wegen 164-fachen Mordes, während die Verteidigung auf Freispruch plädiert. Nachdem der Richter, gespielt von Eberhard Peiker, beide Seiten angehört hat, wird mit der Nebenklägerin, die ihren Mann bei dem Abschuss verloren hat, noch eine weitere Position beleuchtet: wie würde man sich entscheiden, wenn ein geliebter Mensch in dem Flugzeug säße? Nach den Plädoyers folgt eine Pause, in der die Zuschauer entscheiden müssen, ob sie für schuldig oder unschuldig stimmen. Dementsprechend fällt das anschließende Urteil aus.

Major Koch ist selbst der Anklägerin ein Mann, der in der Lage ist, Recht von Unrecht zu unterscheiden. In seiner Laufbahn glänzt er mit durchweg besten Leistungen. Nach eigener Aussage hat er sich selbst bereits öfter mit der Frage beschäftigt, wie er handeln würde, wenn er in eine Situation wie die oben geschilderte geraten würde. Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts erklärt, dass der Staat den Abschuss eines entführten Flugzeugs nicht befehlen dürfe, gleichzeitig trifft es aber bewusst keine Aussage, wie ein Fall ähnlich dem des Major Koch zu beurteilen sei. Das kann schon mal für Verwirrung sorgen. Nicht einmal die rechtliche Situation ist also klar zu überschauen. Mit rationaler Abwägung ist ein Urteil nicht möglich, wie auch der Zuschauer bald bemerken muss. Verschiedene moralische Fragestellungen versuchen, die Situation genauer zu beleuchten: Dürfen wir Unschuldige töten, um andere Unschuldige zu retten? Und geht es nur um die Zahl? Erhebt sich der Mensch in eine gottgleiche Stellung, wenn er sich dafür entscheidest? Muss man im öffentlichen Raum heute dauerhaft einkalkulieren, Opfer eines Anschlags zu werden?

Bis zur Pause vor der Urteilsfindung gibt das Theaterstück zwar viele Anhaltspunkte, aber das endgültige Entscheiden nimmt es nicht ab. Genau diese Unsicherheit zeichnet das Stück aus. Die Diskussionen, die schon während der Verhandlung im Publikum beginnen, zeigen die gesellschaftliche Aktualität des Themas, das der Autor Ferdinand von Schirach hier darstellt. Wie rechtfertigt man eine Verurteilung oder eine Freisprechung vor seinem Gewissen? Wer dieses Stück anschaut, sollte nicht damit rechnen, in der folgenden Nacht ruhig zu schlafen. Das Dilemma in Terror terrorisiert das Gewissen des Zuschauers.

Eine besondere Stimmung erhält das Stück durch den Spielort im Ratssaal des Würzburger Rathauses. Schwere Ledersessel und dunkle Holztische versetzen das Publikum unmittelbar in den Gerichtssaal. Die Malereien an der Wand des Saals zeigen historische Szenen von Recht und Unrecht, Krieg und Helden. Könnte sich ein Major Koch als Held in die Geschichte einreihen? Ist der Kampf gegen den Terror vergleichbar mit früheren Kriegen?

Das rechtliche Dilemma, auf das sich das Stück fokussiert, wird dem Publikum verständlich näher gebracht. Im Rahmen der Gerichtsverhandlung gelingt es jedoch nicht, den Figuren eigene Charakterzüge zu geben; sie dienen dem Rechtsanwalt von Schirach lediglich als Werkzeuge. Dementsprechend wird auch das Potenzial der Darsteller nicht ausgenutzt, die nüchterne, kühle Juristen bleiben.

„Jeder Mensch, der ein Theater besucht, begibt sich in Gefahr“, stellt Major Koch fest. Auch bei diesem Stück ist das der Fall. Er meint damit einerseits die Gefahr, Opfer eines Anschlags zu werden. Andererseits kann es sein, dass man die Entscheidung, die man bei seinem Besuch fällt, vor anderen oder seinem eigenen Gewissen rechtfertigen muss, was durchaus eine große Belastung sein kann. Wer aber ein Theaterstück besuchen will, das nachhaltig bewegt, den Zuschauer persönlich fordert und aktuelle moralische Themen auf den Punkt bringt, sollte diese Gefahr eingehen.

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