Bedrückend eindrücklich

Eine Rezension von Tabea Görlich 

„Wir haben die Karten geschenkt bekommen und würden sie gerne zurückgeben.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich ein Ehepaar vor der Premiere von DRAUSSEN VOR  DER TÜR  von seinen Theaterkarten. Der Grund für diese Entscheidung liegt wohl in der Thematik, die Wolfgang Borchert in seinem Drama behandelt.

Das Stück handelt von Beckmann (Dirk Diekmann), einen Soldaten, der aus dem Krieg heimkehrt und feststellen muss, dass ihm sein Zuhause fremd geworden ist. Als er erfährt, dass sein Sohn tot und seine Frau mit einem anderen Mann liiert ist, stürzt er sich in die Elbe. Er überlebt, denn dem Fluss ist sein bisschen Leben zu wenig. Von diesem Moment an wird Beckmann von den beiden Anderen (Martin Liema und Cedric von Borries), seinem verkörperten Innenleben begleitet. Sie ermutigen ihn dazu, mit einer Kriegswitwe (Hannah Walther) eine neue Beziehung einzugehen, wobei sie ihn gleichzeitig mit Schuldgefühlen gegenüber dem verstorbenen Ehegatten plagen. Beckmann kann nicht bei der Frau bleiben und will seine Schuld aus dem Krieg an seinen ehemaligen Vorgesetzten, dem Oberst (Georg Zeies), abgeben. Als dies nicht gelingt, bemüht er sich um eine Anstellung beim Kabarett, doch dort geht man gebrochenen Charakteren wie ihm aus dem Weg. Seine letzte Hoffnung liegt in der Heimkehr zu seinen Eltern, die sich jedoch, wie er von der neuen Hausbesitzerin (Barbara Schöller) erfährt, mit dem Kriegsende das Leben genommen haben. Das, was Beckmann als Zuhause kennt, ist vom Krieg zerstört. Auch den Krieg selbst, von dessen Eindrücken Beckmann sich nicht befreien kann, versucht die Bevölkerung zu vergessen. Seine Mitmenschen gehen alldem, was ihn ausmacht aus dem Weg, und somit findet Beckmann keinen Halt mehr.

Die Gestaltung der Bühne von Heinz Hauser verdeutlicht die kühle Atmosphäre des Dramas. Alles ist in Schwarz gehalten. Es stechen nur einige über die Bühne gespannte Gummiseile hervor, die, einmal in Bewegung gesetzt, die Wellen der Elbe widerspiegeln. Die Stühle, die auf diesen Seilen platziert sind, erinnern an Beckmann, der sich selbst mit einem geistlosen Möbelstück, einem Gebrauchsgegenstand vergleicht. Im Verlauf der fünf Akte tauchen immer wieder große Glühbirnen auf, die erscheinen, wenn Beckmann Hoffnung schöpft. Sie finden außerdem als Trapez, Sitzplatz und auch als Haustüre Verwendung und werden so in das Stück eingebaut. Mit den Kostümen von Wiebke Horn werden ebenfalls Aspekte des Dramas vermittelt. So trägt Beckmann beispielsweise noch seine alte Kleidung aus dem Krieg, wobei auch die symbolträchtige Gasmaskenbrille nicht fehlt. Der Oberst dagegen, der nach dem Krieg jegliche Schuld von sich weist, trägt passenderweise eine weiße Uniform. Ob er mit diesem Selbstbild Recht behält, entscheiden die Zuschauer für sich. Insgesamt sind die Kostüme farblos gehalten, was die freudlose Atmosphäre des Stücks noch unterstreicht. Besonders sticht in der Interpretation des Mainfranken Theaters die Anwendung der klanglichen Mittel hervor. Ihren Höhepunkt findet diese, als Beckmann von seinem Albtraum berichtet. Immer wieder, und immer lauter wird sein Name in abgehackten Silben geflüstert, während er glaubt, die Toten riefen nach ihm. Auf diese Art wird es dem Publikum erleichtert, sich in ihn hineinzuversetzen und ihn zu verstehen. Dieses Verständnis wird auch durch die doppelte Besetzung des Anderen geschaffen. Alles was in Beckmanns Inneren vorgeht wird auf der Bühne gezeigt. Ein innerer Konflikt äußert sich in offenem Streit zwischen den Dreien. Wenn Beckmann zu schwach ist, sich zu äußern, übernehmen die beiden Anderen kommentierend die Ausdeutung der Situation.

Die Umsetzung von Wolfgang Borcherts Drama DRAUSSEN VOR DER TÜR ist dem Ensemble des Mainfranken Theaters hervorragend gelungen. Die Aktualität der Kriegsthematik wird dem Zuschauer dabei besonders durch gelegentliche Einwürfe der Namen bekannter Krisenherde, wie Aleppo, Kabul oder Srebrenica vor Augen gehalten. Auf diesem Weg animiert das Stück noch stärker zum Reflektieren über den Krieg und seine Folgen. So wird daran erinnert, dass es auch heute noch zahllose Menschen gibt, die ebenso gezeichnet und perspektivlos wie Beckmann leben.

Das sich das zu Beginn dieses Textes erwähnte Ehepaar gegen einen Besuch des Theaterstücks entschieden hat, ist nachvollziehbar. Es ist keine leichte Unterhaltung, und weit davon entfernt, den Zuschauer zu erheitern. Mit DRAUSSEN VOR DER TÜR wird ein gänzlich anderes Ziel verfolgt: Es geht darum, dem Publikum einen Denkanstoß zu geben.

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