Ein Tanz mit dem Tod

Kritik von Florian Kurz |

Eine Doppelvorstellung rund um Tanz und Tod: Das Mainfranken Theater verbindet Anna Vitas Ballett Der Tod und das Mädchen mit Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem.

Die Handlung von Der Tod und das Mädchen ist schnell erzählt: Übervorsichtige Eltern verwehren ihrer Tochter, ihren Freiheitsdrang auszuleben. Ständiger Hausarrest, sozusagen – damit das Mädchen nicht in den Sog der gefährlichen Welt gerät, die draußen vor dem Fenster lauert. Die junge Frau sieht als einziges Tor in die Freiheit den Tod, der ihr als verführerischer Jüngling erscheint.

Die Welt des einsamen Mädchens ist begrenzt: Eine Sitzbank vor einem milchigen Fenster, hinter dem schemenhaft die Außenwelt zu erahnen ist. Die Eltern des Mädchens – nicht nur im übertragenen Sinn ,Helikoptereltern‘ – umschwirren ihr Kind, lenken es in die Richtung, die ihnen am sinnvollsten erscheint. Schon nach kurzer Zeit tritt der Tod als galanter, attraktiver Verführer auf, und die Geschichte des Mädchens, das sich in seiner Einsamkeit nach dem Sterben sehnt, nimmt ihren Lauf.

Die Musik zu Der Tod und das Mädchen stammt von Franz Schubert. Sein gleichnamiges Streichquartett, gespielt vom Orchester des Mainfranken Theaters, bildet eine stimmig-düstere Kulisse für das Geschehen auf der Bühne. Anna Vitas Ballettversion konzentriert sich auf Atmosphäre, Emotionen und die Beziehungen zwischen den Figuren. Der Handlung ist leicht zu folgen und die tänzerische Umsetzung setzt auf Eindeutigkeit. Distanz und Nähe, Geborgenheit und Gefahr sind leicht erkennbar: Mal greift der Tod in die Lücken, die zwischen den vermeintlich beschützenden Armen der Eltern entstehen, und beim Pas de deux wirbelt der verführerische Tod das Mädchen im Kreis herum – doch die Luftsprünge sind träge, als zöge die Melancholie das Mädchen selbst in ihrer Ausgelassenheit auf den Boden der Tatsachen zurück. Durch diese eindeutige und dennoch raffinierte tänzerische Umsetzung könnte  Der Tod und das Mädchen gerade für Ballett-Neulinge ein guter Einstieg sein.

Im zweiten Teil des Abends verbinden sich Mozarts Requiem und das dafür konzipierte Ballett (Inszenierung und Choreographie ebenfalls von Anna Vita) nicht zu einer gelungenen Einheit. Vielleicht liegt es daran, dass das Requiem allein schon einiges an Aufmerksamkeit beansprucht, denn die eindringliche Musik zwingt den Zuhörer, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Das Ballett wiederum bedient sich einer eher abstrakten Bildersprache: Zwölf Tänzerinnen und Tänzer erklimmen mal ein großes Podest oder marschieren in einer Reihe über die Bühne. Die Szenen haben oft einen hohen Symbolwert, wenn sich die Menschen auf der Bühne sehnsüchtig gen Himmel recken, oder beeindrucken durch gekonnten Lichteinsatz. Hierin liegt aber gleichzeitig die große Schwäche der zweiten Hälfte des Abends. Es fällt einfach zu schwer, sich zu entscheiden: Lieber der Musik lauschen oder das Ballett enträtseln? Die Eigenständigkeit und der künstlerische Anspruch beider Werke verhindern, dass sie ein harmonisches Ganzes ergeben.

Musikalisch lässt die Requiem-Interpretation zu wünschen übrig: Die Solisten des Opern- und Extrachors des Mainfranken Theaters gehen oft in den majestätischen Klängen des Philharmonischen Orchesters Würzburg (Musikalische Leitung: Enrico Calesso) unter. Musikstücke wie etwa das berühmte Lacrimosa wirken dadurch zu klanggewaltig und zu wenig berührend.

Trotzdem bietet der Doppelabend eine gelungene Unterhaltung für Ballettfans und solche, die neugierig auf Tanz und Performance sind.

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