Aus dem Leben eines Scheinwerfers

Beitrag von Katharina Largé |

Was andere als „im Theater rumhängen“ bezeichnen würden, ist für mich Beruf und Fluch zu gleich. Ich weiß nicht, ob das Schicksal einfach einen ziemlich fragwürdigen Humor hat, oder warum sonst gerade jemand mit einer so furchtbaren Höhenangst wie ich unbedingt als Scheinwerfer auf diese Welt kommen musste. Und gerade heute haben die Menschen mit den dunklen Klamotten wieder beschlossen, mich ganz nach oben zu hängen. Der Boden unter mir verschwimmt, während Gesänge durch den Raum schallen. Gesprächsfetzen fliegen im Raum herum. „Eine Kakerlake, wie schön.“ und „Das hat nichts mit Mühe geben zu tun.“ oder „Spielt er heute Abend die Probe auf dem Keyboard oder Flügel?“
…Halt? Was? Habe ich richtig gehört? Hier gibt es Kakerlaken? Oder war das nur ein Scherz? Vielleicht ist es doch ganz gut so weit oben zu hängen.

Gerade in diesem Moment beginnt der Zug, in dem ich hänge, sich schnell nach unten zu bewegen. Ich glaube, mir wird schlecht. Aber immerhin bin ich nicht mehr so weit oben. Einem der Menschen, der rote Schuhe anhat, scheint die Höhe weniger auszumachen, denn er beginnt eine Traverse1 hochzuklettern. Immer wieder hoch und runter wie ein Eichhörnchen. Und damit nicht genug, er gurtet sich oben auch noch fest. Es scheint fast, dass den Menschen die Scheinwerfer ausgegangen sind, denn jetzt wird auch noch ein zweiter Mann mit einem weißen Oberteil an die Traverse in meinem Zug gebunden, gleich neben mich. Sie probieren ein bisschen herum, und schließlich fährt der Zug mit mir und dem Mann nach oben.

Man erlebt schon verrückte Sachen hier im Theater. Also, wenn ich überlege, was ich hier schon alles gesehen habe, dann bin ich doch ganz froh, dass es mich gerade hier her verschlagen hat.

Wunderschöne Klaviermusik ertönt. Jetzt beginnt sich die Drehbühne zu drehen und der Mann mit den roten Schuhen fährt an uns vorbei. Dem im weißen Shirt neben mir scheint es inzwischen nicht mehr so gut zu gehen. „Es ist schwer grad!“, versucht er die Menschen unten auf seine Situation aufmerksam zu machen. Doch dort beginnt nur eine Diskussion, wie lange er oben bleiben soll, wenn die anderen Menschen zum Zuschauen kommen werden. Und dann geht es für uns sogar noch weiter nach oben. „Runterfahren, bitte!“, ruft mein Leidensgenosse von oben und diesmal findet er Gehör. Unten angekommen muss er sich erstmal die Beine vertreten. „Die sind eingeschlafen“, klagt er. Aber dann hat er sich schnell wieder gefangen: „Alles für die Kunst.“

Ja, damit hat er Recht. Also fahren wir noch zwei Mal gemeinsam hoch und runter, damit alles richtig sitzt. Am Ende klatscht sogar jemand. Der Decker2 fährt nach unten. Dann ist die Probe vorbei. Naja, nicht ganz. Für mich fängt sie eigentlich erst jetzt richtig an. Denn nachdem die Kletterer sich verzogen haben, beginnt die Beleuchtungsprobe. Erst mal gibt es für mich noch gar nicht so viel zu tun. Die Menschen mit den dunklen Klamotten verteilen sich und sprechen in dunkle kleine Kästchen, die sie Funke nennen. „Wo steigen wir ein?“, „Ich hab bei der Probe gestern einige Korrekturen aufgeschrieben“, „Können wir die Grundstimmung nochmal überprüfen?“, „Fahr doch nochmal den Übergang von der Eins zur Zwei.“ Plötzlich tut sich etwas. Ich spüre, wie mir ganz warm wird. Unten haben sich zwei Mädchen auf die Bühne gestellt. Ich lächle sie breit an und sie strahlen zurück. „Nee, das passt so noch nicht. Geh‘ mal auf 100%“, höre ich. Mein Lächeln wird noch breiter. Doch nur um kurz darauf wieder kleiner und kleiner zu werden, bis es den Menschen unten gefällt. Ich fange an zu schwitzen. Das ist wirklich anstrengend. Und nachdem man sich unten endlich einig geworden ist, geht es weiter in die nächste Lichtstimmung. „Machen wir den Übergang mal schneller, sagen wir in drei Sekunden?“ Und so geht es dann: aus, an, aus, an, aus, an…bis ich ganz außer Puste bin. Auch die Menschen unten sehen nicht mehr sehr fit aus. Jemand bringt Becher mit heißen Getränken. Doch endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, werden die Hefte, in denen alles notiert wurde, zugeklappt. Nun können wir nur noch hoffen, dass bei der nächsten Probe alles glatt geht.

1 Eine Traverse ist ein Fachwerkträger aus Aluminium oder Stahl, der zur Aufnahme von Nutzlasten, wie Scheinwerfern, oder zur Konstruktion dekorativer Bauten verwendet wird.

2 Der Decker ist ein großer schwarzer Vorhang der zur optischen Trennung von Bühne und Zuschauerraum eingesetzt wird.

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