Vielschichtiger Verräter

Kritik von Florian Kurz |

Das Publikum sitzt auf Bänken, auf denen sonst gebetet wird. Vor der rückwärtigen Wand ein Kreuz, an dem angestrahlt und überlebensgroß der Heiland hängt. Vorn: Judas Iskariot, der seine Geschichte erzählt. Die Kirche St. Stephan dient als Kulisse für die Produktion Judas des Mainfranken Theaters, die einen neuen Blickwinkel auf jenen Apostel eröffnet, der seine Weltberühmtheit durch sein Mitwirken an Jesu Ermordung erlangte.

Denn so viel steht fest: Der Name Judas ist der Inbegriff des Verrats. Die Evangelien erzählen, wie Judas mit den Schriftgelehrten, die nach Jesus Tod trachten, ein Zeichen vereinbart, um ihnen die Identität seines Herrn preiszugeben: Wen er küsst, den sollen die Soldaten ergreifen. Was daraufhin geschieht, ist bekannt. Der Judaskuss ist, ebenso wie der Name des Apostels, sprichwörtlich geworden.

Das Stück der niederländischen Autorin Lot Vekemans setzt bei dieser gängigen Verurteilung des Jüngers an und fragt: Hat Judas es verdient, ausschließlich mit dem hinterhältigen Verrat am Freund gleichgesetzt zu werden? Zu diesem Zweck lässt Vekemans Judas selbst zu Wort kommen. Im Stück wehrt Judas sich dagegen, dass sein ganzes Dasein auf einen Verrat reduziert wird. Der Apostel erzählt von seiner Vergangenheit, von seinen Motiven und Ängsten. Musste nicht jemand Jesus verraten, damit Gottes Plan gelingen konnte? Jesus betont in den Evangelien mehrmals, dass ihm das Schicksal, das ihn laut Passionsgeschichte ereilte, von seinem Vater so bestimmt war. Half Judas seinem Herrn nicht sogar, indem er ihn unterstützt, dessen eigene Voraussage des Verrats und seines Todes Wirklichkeit werden zu lassen?

Der Judas der Würzburger Inszenierung, gespielt von Toomas Täht, wirkt von Beginn an authentisch und nahbar: Er spricht mit dem Publikum, versucht, seine Handlungen nachvollziehbar zu machen, ringt um die Gunst der Zuschauer – damit sie ihn nicht von vornherein verurteilen, so wie die Menschen es zweitausend Jahre lang taten.

Der Regisseur Markus Trabusch nutzt den ungewöhnlichen Spielort in der St. Stephan Kirche gekonnt aus. In seiner Inszenierung predigt Judas von der Kanzel herab gegen die Irrlehrer, schleppt einen Tisch aus der Krypta herauf, auf dem er später Brot, Wasser und Fisch platzieren wird. Und er nimmt neben den Zuschauern in den Bankreihen Platz, als wäre er einer von ihnen. Diese Verbindung zwischen Judas und Publikum zieht sich durchs gesamte Stück und macht dessen Reiz aus.

Die einstündige Vorstellung endet mit Judas‘ trotziger Aussage, dass er zu seinem Namen stehe. Und das Publikum geht mit der Frage nach Hause, ob es die Rolle des Apostels nicht noch einmal überdenken sollte – und mit ihr natürlich jede Form vorschnellen Verurteilens. Denn wer Judas in St. Stephan kennen lernt, kann gar nicht anders, als sich auf ihn, seinen vielschichtigen Charakter und seine berührende Geschichte einzulassen.

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