Wiegt ein Leben weniger als viele?

Kritik von Jacqueline Braun |

Schon beim Einlass in den Saal lässt sich eine Spaltung der Menge feststellen: Pappbögen mit den Aufschriften „Schuldig“ und „Nicht schuldig“ rahmen den Eingang in den Saal – Zufall oder nicht, dass ein Großteil der Zuschauer den Bogen „Schuldig“ passiert?

Terror, ein Theater Stück von Ferdinand von Schirach, unter der Regie von Dirk Diekmann, dramaturgisch betreut durch Antonia Tretter, feierte am 20.11.2016 Premiere im Würzburger Ratssaal. Der Saal bietet die perfekte Einstimmung auf das, was kommen wird: Es wird der Eindruck einer wichtigen Verhandlung und nicht der einer Theateraufführung erweckt.

Kurze Zeit nach Einlass tritt das Gericht zusammen. Der Verteidiger (Georg Zeies) kommt mit etwas Verspätung und einem Spruch auf den Lippen in den Saal gehuscht. Als die Formalien zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft (Anja Brünglinghaus) geklärt sind, führt ein Polizist den Angeklagten Lars Koch (Martin Liema) in den Saal. Der vorsitzende Richter (Eberhard Peiker) weist die Zuschauer in die Funktion von Schöffenrichter, Aufmerksamkeit sei verlangt, um am Ende der Anhörung ein Urteil fällen zu können. Die rund zweistündige Verhandlung, ich meine: die rund zweistündige Vorführung, beginnt.

Ein entführtes Passagierflugzeug droht in ein vollbesetztes Stadion zu fliegen. Der Bundeswehrpilot Koch schießt es ab. Einen Befehl für diese Handlung gibt es nicht. Die Anklage lautet Tötung von 164 Menschen. Recht oder Unrecht? Moralisch vertretbar oder absolut unverständlich? Darf das Leben weniger gegen das Leben vieler aufgewogen werden? All diese Fragen werden diskutiert und ein Fliegerkollege des Angeklagten (Hannes Berg) sowie die Hinterbliebene eines Flugzeuginsassen (Miriam Morgenstern) sollen durch ihre Aussagen zur Klärung beitragen. Die Entscheidung trifft am Ende der Zuschauer.

Nach der Pause und einigen teilweise lautstarken Diskussionen über Moral und Recht treten die für diesen Abend ernannten Schöffenrichter durch die Aufsteller mit den Schildern „Nicht schuldig“ oder „Schuldig“; Theaterhelfer zählen die Durchgehenden. Nach wenigen Minuten tritt das Gericht erneut zusammen: Der Angeklagte wird an diesem Abend mit 100 zu 89 Stimmen von den Vorwürfen freigesprochen.

Ein gelungenes Stück, welches jedoch auch sehr anders ist; hervorragende schauspielerische Leistung und perfekt abgestimmte Kostüme (Veronica Silva-Klug) sowie Bühne (Anika Wieners), verstärken den Eindruck einer wirklichen Verhandlung beizuwohnen. Allerdings muss jedem bewusst sein, dass dies kein typisches Theaterstück ist. Wer Musik als wichtiges Element empfindet, wird diese vermissen, ebenso den Fakt des Sich-berieseln-lassens. Terror verlangt ein hohes Maß an Aufmerksamkeit.

Der Ausgang des Stückes – seit diesem Jahr weltweit aufgeführt, sogar auf ARD als Spielfilm und in diversen Kinos ausgestrahlt – kann, durch die Einbeziehung des Publikums also immer ein anderer sein. Über die Seite http://terror.theater/ lässt sich die immer aktuelle Zahl der Vorführungen und deren Ausgänge abrufen und vergleichen. Ein geniales Theaterstück oder ein Sozialprojekt mit noch nicht absehbaren Folgen? – Das wird wohl nur die Zukunft zeigen.

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