Theben, Theben über alles!

Kritik von Florian Kurz |

Sophokles’ „Antigone“ wurde zum ersten Mal im 5. Jahrhundert v. Chr. aufgeführt. Es kann eigentlich nur für das Stück sprechen, dass es über zweitausend Jahre später immer noch auf der Bühne zu sehen ist. Der Grund dafür ist vielleicht, dass das Drama zeitlose moralische Probleme anspricht, indem es die Frage aufwirft, ob man im Zweifelsfall lieber dem Gesetz oder dem eigenen Gewissen folgen soll. Aber auch, dass die Tragödie die fatalen Folgen einer menschlichen Fehlentscheidung schildert, trägt sicherlich zu ihrem Überleben bei.

Die Ausgangssituation der Geschichte ist schnell erzählt: Die Brüder Eteokles und Polyneikes sind Feinde und töten sich gegenseitig im Kampf um Theben. Kreon, Thebens König, ordnet an, dass Eteokles ehrenvoll begraben wird, weil dieser die Stadt verteidigt hat; dessen Bruder Polyneikes hingegen verweigert Kreon das Begräbnis und verbietet unter Todesstrafe, ihm das letzte Geleit zu geben. Antigone, die Schwester der beiden Toten, widersetzt sich dem Befehl und begräbt ihren in Ungnade gefallenen Bruder. Damit löst sie eine Folge von Handlungen aus, mit der keiner der Beteiligten gerechnet hat.

Das Bühnenbild von Dominik Steinmann teilt die Bühne in ein Hinten und ein Vorne: Ein halbrunder gerüstartiger Aufbau bildet die Kulisse, in grober Anlehnung an die antike Architektur. Die Rückwand des Gerüsts bilden herabhängende Folien; durch sie wechseln die Schauspieler zwischen dem hinteren, von Nebelschwaden durchwaberten Teil der Bühne und dem vorderen, in dem sie wie in einer Arena stehen und in dem Haupthandlung und Dialoge stattfinden.

Und die haben es in sich: Wer noch nie von den Moiren (Schicksalsgöttinnen), den Erinnyen (Rachedämonen) oder Eleusis (ein Ort, an dem Kulthandlungen stattfanden) gehört hat, wird sich manchmal fragen, worum es gerade eigentlich geht. „Antigones“ Alter kann deshalb auch seine Schwäche sein, denn wem das antike Griechenland nicht zumindest in den Grundzügen vertraut ist, dem müssen die meisten Anspielungen entgehen – mehr noch, ganze Handlungen werden unverständlich. Zum Beispiel duldet Antigone nicht, dass die dünne Sandschicht entfernt wird, die sie über ihren toten Bruder gestreut hat – für den modernen Menschen unverständlich, außer er weiß, dass ein Toter in der Antike dann als begraben galt, wenn er – auch nur symbolisch – mit Erde bedeckt war.

Auch die verkopfte und altertümelnde Übersetzung trägt nicht zum besseren Verständnis bei und verlangt den Schauspielerinnen und Schauspielern einiges ab. Obwohl die längst überholten Formulierungen einem authentischen Spiel oft im Wege sind. Vor allem bei den emotionalen Szenen mit Antigone (Helene Blechinger) und ihrer Schwester Ismene (Miriam Morgenstern) klafft eine Lücke zwischen der eindrucksvollen schauspielerischen Leistung und der verstaubten Sprache des Stücks.

Abgesehen davon punktet „Antigone“ jedoch mit seiner Aktualität. Das Drama thematisiert die Angst vor Repression und vor der nahezu uneingeschränkten Macht, die ein Herrscher ausüben kann und aufgrund seiner Position auch manchmal ausüben muss. Aber spätestens, wenn Haimon (Bastian Beyer) seinem Vater Kreon (Georg Zeies) rät: „Huldige dem Wahn im Kreis von Freunden, die daran Gefallen finden!“, denkt der Zuschauer an den Wahn eines anderen mächtigen Mannes in einem hohen Amt und dessen Unfähigkeit oder Weigerung zur Reflexion.

Stimmungsvoll umgesetzt ist das martialische Auftreten der Krieger (Hannes Berg, Alexander Koll, Cedric von Borries), die an die Allgegenwärtigkeit des militärstaatlichen Grundkonzepts erinnern, das Kreon zur Maxime seines Handelns erhebt. Auch das große Banner, das gut sichtbar über der Bühne hängt, verweist darauf: „Nur wer als Freund sich unseres Staats bewährt, ist im Leben wie im Tode hoher Ehren wert.“ Symbolischer Totenkult und Kriegsgeheul dominieren folglich oft das Geschehen auf der Bühne. Dass das Orakel des blinden Sehers Teiresias (Eberhard Peiker) da ziemlich pessimistisch ausfällt, verwundert nicht.

Trotz der hohen Ansprüche an die klassisch-antike Vorbildung des Publikums entfaltet „Antigoneam Mainfranken Theater ihr Potenzial durch die gekonnte Inszenierung und den hohen Aktualitätsbezug: Nationalismus, die Gefahr einer diktatorisch angehauchten Staatsform und die Aufgabe moralischer Werte zugunsten des scheinbar unumstößlichen Gesetzes.

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